Geht doch rüber !

Untertitel: Fünf Jahrzehnte deutscher Geschichte
 
Verlag: Ehapa Comic Collection (Egmont Ehapa Verlag)
Erschienen: Juni 1999
 
Format: Album (22,3 x 29,3 cm)
Vierfarbig
 
Genre: Zeitgeschichte
 
Inhalt: »Geht doch rüber!« - Die Geschichte eines Comics

Es ist bereits Abend, als an einem Sommertag des Jahres 1960 ein Zug aus der DDR am Freiburger Hauptbahnhof ankommt. Unter den Reisenden ist ein junger Mann, in der Hand einen Koffer mit ein paar Kleidungsstücken. Er macht einen schüchternen und vorsichtigen Eindruck. Der Neuankömmling ist von der hellerleuchteten Stadt wie geblendet. Auf dem Bahnsteig nimmt ihn ein Ehepaar in Empfang: Onkel Heinz und Tante Marianne. Für Roland Gempel, noch nicht ganz 16 Jahre alt, steht ein neuer Lebensabschnitt bevor.

An diesem Tag beginnt das Schicksal eines Deutschen, der in den folgenden Jahren die Geschichte seiner geteilten Heimat am eigenen Leib zu spüren bekommt. Roland Gempel muß nochmals die Seiten und Staaten wechseln, um seine Zukunft zu finden. Er wird zum Grenzgänger: »Geh doch rüber!«, heißt es nicht nur einmal in seinem Leben. Das Buch nimmt sich sein reales Leben zum Vorbild, aber auch augenzwinkernd künstlerische Freiheiten in Anspruch.

Ein Kriegsgefangener daheim

Jahre zuvor sah Roland Gempel Onkel und Tante zum ersten Mal: im Lager Friedland. Hierher kehrte Heinz 1955 als einer der letzten sowjetischen Kriegsgefangenen nach Deutschland zurück. Verzweifelt und hoffnungslos hatte er die Suche nach seiner Frau Marianne und ihrer Schwester Inge längst aufgegeben. Doch jetzt, im Lager, kam der Suchdienst den Verschwundenen auf die Spur: Inge lebte mit ihrem Sohn Roland in Leipzig, Marianne verschlug es nach Freiburg im Breisgau. Die Verwandten treffen in Friedland erstmals seit ihrer Trennung in den letzten Kriegstagen wieder zusammen. Aber der Umgang von Inge mit ihrem Schwager Heinz ist nicht frei von Spannungen ...

Abgeschreckt von der stupiden Disziplin bei seiner Ausbildung zum Kfz-Meister macht Roland sich später auf die Reise nach Freiburg. Seine Mutter Inge, die langsam aus dem Gröbsten herauskommt und in der jungen DDR beruflich aufsteigt, will ihn nicht begleiten. Dennoch fühlt ihr Sohn sich im Südwesten wohl, auch wenn er immer wieder mit dem konservativen Heinz aneinandergerät. Hier schwärmt er für James Dean und die Traumwagen der Marke Porsche, hier findet er auch seine wahre Berufung: die Theologie. Roland macht das Abitur nach, studiert und will Pfarrer werden. Doch ein Besuch in der DDR macht ihm einen Strich durch die Rechnung: Er lernt Andrea kennen und lieben.

In der Hand der Stasi

Deutschland im Jahre 1968: In Berlin, Frankfurt und in anderen Städten protestieren Studenten gegen Vietnam-Krieg und Notstandsgesetze, auf Rudi Dutschke wird ein Attentat verübt. In Freiburg packt Roland seine Koffer. Er, der Kritiker der DDR-Verhältnisse, will in den Osten Deutschlands umziehen. Nur so kann er seiner Andrea nahekommen und die Sperren wenigstens von einer Seite überwinden. Doch an der Grenze winkt ihn ein Offizier heraus und eine wochenlange Pein beginnt. Die Verhöre jagen einander, der Kontakt zur Außenwelt ist untersagt. Gempel läßt sich nicht unterkriegen: »Wenn man die Toiletten der Schutzpolizei saubermachen durfte, dann wußte man, daß eine Chance besteht, in die DDR reinzukommen«, erinnert sich später sein reales Vorbild.

Es gelingt. Roland wohnt zusammen mit Andrea bei seiner Mutter, beendet sein Studium und wird Pfarrer in Leipzig. Als 1970 geheiratet wird, sind außer Heinz alle zu Gast. Der Freiburger Uni-Angestellte kann seine Abneigung gegen die »Ostzone« nicht überwinden. Die »Ostpolitik« der sozialliberalen Regierung Willy Brandts, mit der auch seine Frau Marianne sympathisiert, ist für ihn ein rotes Tuch: »Dieser Brandt gibt unsere deutschen Ostgebiete auf. Und die Wiedervereinigung.«

In der DDR bekommen Andrea und Roland ihr Kind Mandy. Sie haben mit den Tücken des Systems und der Gesellschaft zu kämpfen, müssen sich aber auch mit der Kritik an Westdeutschland auseinandersetzen. Selbst Rolands Mutter Inge hat sich arrangiert und versucht, das Beste aus ihrem Leben zu machen. Dagegen brodelt es jetzt, Ende der siebziger Jahre, im Westen. Attentaten der RAF folgt die Entführung der Lufthansa-Maschine »Landshut« nach Mogadischu. Die Familien treffen sich gelegentlich, etwa bei einem gemeinsamen Besuch in Ungarn. Marianne versucht, zwischen Ehemann und Schwester zu vermitteln, kann aber den Graben nicht überwinden.

Opposition gegen das System

Trotz Inges politischer Haltung bekommt Roland bei seiner Arbeit als Pfarrer inzwischen mehr und mehr mit von den dunklen Seiten der DDR und wird schließlich zum Oppositionellen. Der erste Versuch einer DDR-Friedensbewegung scheitert zwar, doch 1989 ist es soweit: Mehr und mehr Menschen stehen auf, viele fliehen in den Westen. Als die größte Demonstration in Leipzig am 9. Oktober von der Volkspolizei nicht verhindert werden kann, ist das Schicksal des Regimes besiegelt: Am 9. November öffnet sich die Berliner Mauer. Helmut, Rolands Freund aus früheren Tagen, erlebt es mit. Die große Frage ist jetzt: Was soll geschehen? Die sofortige Vereinigung, die Heinz vertritt, oder doch eine grundlegende Reform des DDR-Systems, für die sich Inge ausspricht. Der Ausgang ist bekannt ...

Die Politik hält die Akteure nach der deutschen Einheit weiterhin in Atem. Doch auch das Familienleben prägen bedeutende Ereignisse: Marianne stirbt und Heinz entschließt sich zu einem Geständnis ...


«Geht doch rüber!« - Authentizität und Popularität

Die Konzipierung und kreative Realisierung eines Comic-Projekts zum 50. Jahrestag der Proklamation unseres Grundgesetzes sieht sich mit ganz besonderen Herausforderungen konfrontiert: Es geht darum, zum einen historische Abläufe und deren Schauplätze authentisch widerzuspiegeln sowie den technischen Entwicklungsstand, Architektur, Mode und Lebensweise der Zeit in einem über vierzig Jahre geteilten Land zu veranschaulichen. Das Haus der Geschichte Baden-Württemberg lieferte hierfür die Dokumentation und konzeptionelle Vorlagen.

Auf der anderen Seite will der Comic eine ebenso spannende wie glaubwürdige Geschichte erzählen, bei der das individuelle Schicksal und die unmittelbaren Alltagserfahrungen von Menschen in unserem Land erlebbar gemacht werden. Die Vita der Hauptakteure des Comic läßt die wichtigsten Stichworte deutscher Nachkriegsgeschichte wie Wiederaufbau, Währungsreform, Teilung, Wiederbewaffnung, Wirtschaftswunder und Normerfüllung, die Ereignisse des
17. Juni, Mauerbau, Studentenproteste, Ostpolitik der sozialliberalen Koalition, die Anerkennung der DDR, Terrorismus, Ära Kohl, Wende, Wiedervereinigung und schließlich der Wahlsieg der rot-grünen Koalition genau so Revue passieren, wie jene Ereignisse, die die Menschen ganz emotional berührten: Helmut Rahns 3:2 im Berner WM-Finale 1954, die Spätheimkehrer im Lager Friedland 1955, Rock & Roll, Houla-houp und Twist, die internationalen Erfolge von Sportlern aus der DDR, der Anschlag bei der Münchner Olympiade 1972, die Montagsdemos in Leipzig und die Mauerspechte in Berlin ...

Eine im Medium der Comics gänzlich neue Form der länderübergreifenden Zusammenarbeit dokumentiert bei diesem Projekt die Zusammensetzung des Kreativteams: Führt der genuin »deutsche« Anlaß zu dieser graphischen Erzählung doch erstmals drei ausgewiesene hiesige »Textmacher« aus Baden-Württemberg mit vier profilierten französischen Künstlern aus dem Elsaß zusammen, die für die graphische Umsetzung verantwortlich zeichnen: den in moderner Form realistisch zeichnenden Comic-Autoren, den für die Umschlaggestaltung verantwortlichen cover artist, die erfolgreiche Kinderbuch-Illustratorin und den ambitionierten Koloristen.


«Geht doch rüber!« - Die Autoren

Dr. Roland Peter (geb. 1959) Studium der Geschichte, Politik und Soziologie in Heidelberg, Bielefeld und Freiburg. 1992 Freiburger Promotion in Neuerer Geschichte. Journalistische Ausbildung bei den Kreisnachrichten Calw, anschließend freie publizistische Tätigkeit für renommierte Tageszeitungen und Verlage.Von 1996 bis 1998 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Haus der Geschichte Baden-Württemberg.

Klaus Mühlsteffen (geb. 1958) Nach dem Abitur Ausbildung und mehrjährige Tätigkeit als Bankkaufmann. Anschließend Studium der Vor- und Frühgeschichte und Völkerkunde in Tübingen und Hamburg. 1995 Überraschungserfolg mit der schwäbischen Asterix-Übersetzung »Dr große Graba«. Es folgten Asterix em Morgaländle und Asterix bei de Legionär. Kreierte aus den historischen Vorlagen und dem Basiskonzept des Hauses der Geschichte die Comicstory und war verantwortlich für deren Textredaktion.

Michael F. Walz (geb. 1954) Nach Staatsexamen in deutscher Literatur, Geschichte und Kunst vier Jahre als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Technischen Hochschule Darmstadt beschäftigt. Gleichzeitig Beginn der freien publizistischen Tätigkeit für Blätter wie Die Zeit, Frankfurter Rundschau, Max und Playboy. Seit 1985 im Lektorat von Egmont Ehapa, seit 1988 in der Funktion des Chefredakteurs der Ehapa Comic Collection. Dort hauptverantwortlich für die Realisierung des Projekts.

Frédérique Schwebel (geb. 1964) Kunststudium an der Ecole des Arts Décoratifs in Straßburg. Während des Studiums Reisen nach Syrien, Jordanien, Nordindien und Ägypten. Zahlreiche Projekte der Buchillustration für namhafte Verlage wie Hachette, Albin Michel und Editions Gallimard, Schwerpunkte hierbei vor allem Ägypten, Reiseberichte aus dem 19. Jahrhundert und Naturführer.
Beim Comic zum Jahrestag des Grundgesetzes war sie für das Scribble, d.h. die Grobskizzen sowie die Découpage, das graphische Storyboard der Geschichte zuständig.

Joseph Béhé (geb. 1962) Nach dem Abitur 1980 Kunststudium an der Ecole des Arts Décoratifs in Straßburg. Diverse Buchillustrationen zu Alexandre Dumas und Jules Verne. Seit 1986 Zusammenarbeit mit dem Szenaristen Toff, mit dem er sich durch die Verarbeitung zeitgeschichtlich brisanter Themen wie Aids und genetische Manipulationen in den Comiczyklen Tödliche Macht und Doppel-Gen europaweit einen Namen macht. Weitere in deutscher Sprache bei Egmont Ehapa erschienene Autorencomics des Künstlers: Mitternacht in Rhodos sowie Kunst und Liebe. Bei »Geht doch rüber!« zeichnete Béhé für die Gestaltung des Bucheinbands verantwortlich.

Etienne Jung (geb. 1964) Nach dem Abitur 1982 Kunststudium an der Ecole des Arts Décoratifs in Straßburg. Nach seinem Abschluß war er im wesentlichen im Bereich der Kinder- und Jugendmedien tätig, vor allem mit der Adaption klassischer Stoffe wie Cyrano de Bergerac und Themen aus der Bibel für den Verlag Bayard Presse. Bei dem Projekt »Geht doch rüber!« zeichnete er für die definitiven Strichzeichnungen in Tusche verantwortlich, die er nach den Skizzen von Frédérique Schwebel realisierte.

Patrick Noël (geb. 1955) Studium der Illustration an der Ecole des Arts Décoratifs in Straßburg. Von 1986-94 als Graphiker für den Verlag Semic France tätig, seitdem als freier Illustrator und Zeichner mit Projekten für Werbeagenturen und große Verlage wie Bayard Presse und Editions Glénat betraut. »Geht doch rüber!« ist sein zweites Comic-Buch, bei dem er für die komplette Kolorierung verantwortlich zeichnet.

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Hardcover
 
Seiten: 56
 
Erscheinungsdatum: Juni 1999
ISBN-10: 3-7704-1414-4
 
Herkunftsland: Deutschland / Frankreich
 
Zeichner: Frédérique Schwebel, Etienne Jung
Texter: Klaus Mühlsteffen, Roland Peter, Michael F. Walz
 
 

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ID = 66393

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